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Mit dem Plenterprinzip zum Dauerwald
01.12.2016 - 10:54 von weisstanne


Mit dem Plenterprinzip zum Dauerwald
Waldbilder und Überlegungen nach 6 Jahrzehnten
Exkursionsbericht über ein Arbeitstreffen am 12. und 19.10.2016 im Gemeindewald Schlangenbad.

Die ca. 60 Teilnehmer der beiden Exkursionstage erwanderten sich einen 70 ha großen Teil des Schlangenbader Gemeindewaldes, dessen älteste Fichten aus der großflächigen Umwandlung von devastiertem Laubholz und Niederwald Mitte des 19ten Jahrhunderts stammen. Fachkundig geführt wurden wir vom Revierleiter Klaus Stolpp, der bei der Vorbereitung der Exkursion von seinem Vorgänger, Bernd Leichthammer, intensiv unterstützt wurde.



Die Standorte auf Taunusquarzit mit Löß- und Bimseinflüssen sind mesotroph und frisch bis mäßig frisch bei einer Höhenlage von 390 – 548 m ü. NN.
Der ausführliche Exkursionsführer erlaubt Einblicke in die interessante Waldgeschichte. Starke Schneebrüche im Jahr 1936 mit anschließenden Kalamitäten veränderten den ehemals einschichtigen Fichtenwald erster Generation und veranlassten den Forsteinrichter Ernst Rechtern bereits im Jahr 1948 zu der Empfehlung, „aus der Not eine Tugend zu machen“ und den Wald femelartig zu bewirtschaften. Der damalige Revierleiter, Rudolf Canzler, setzte dies durch eine stammzahlschonende „Nutzung vom starken Ende her“ über sich großflächig einstellender Naturverjüngung konsequent um. Die Wirtschaftsergebnisse damals wie heute waren durch die einzelstammweise Entnahme starker Fichten und eingesparte Kulturkosten überzeugend.
1976 setzte Bernd Leichthammer den eingeschlagenen Weg fort. „Im Sinne der ANW Grundsätze wurde die Pflege in den jüngeren Beständen intensiviert und in die Althölzer weiter zurückhaltend durch die Entnahme weniger starker Bäume eingegriffen.“
Seit 1992 wurden auf Bestandesebene mit Hilfe der „gekluppten Bitterlich Stichprobe“ Vorratshöhe und – struktur aufgenommen. Der ausscheidende Bestand wurde parallel dazu gekluppt und dokumentiert.
„Zur Orientierung für kognitive und intuitive Entscheidungen sind vielfältige beispielhafte Waldbilder und geeignete Daten unverzichtbar.“
Diese auf eigenen Messungen basierenden Daten zeigen auf Bestandesebene eine bemerkenswerte Vorratskonstanz über die letzten Jahrzehnte hinweg auf. Die Nutzungen waren also immer am Zuwachs orientiert. Sie lagen im Mittel bei 8,6 Efm/ha/Jahr, was 2,8% des Ausgangsvorrates entspricht. Das Kluppen beim Auszeichnen dient der Selbstkontrolle, dem Erkennen der Zusammenhänge von Vorrat und Baumzahl und ist zur mittelfristigen Dokumentation wichtig. Diese Art der Selbstkontrolle wird im Dauerwald bei der Anwendung der Prinzipien der naturgemäßen Waldwirtschaft zur Kontrolle der Nachhaltigkeit notwendig, da Umtriebszeiten und Ertragstafeln an Bedeutung verlieren.
2005 übernahm Klaus Stolpp die Revierleitung. Die Gemeinde Schlangenbad legte weiterhin Wert auf eine naturgemäße Bewirtschaftung des Waldes. Klaus Stolpp entwickelte die Auswertungsmöglichkeiten der „gekluppten Bitterlich Stichproben“ und der Daten der Auszeichnung EDV-gestützt weiter. Per Knopfdruck stehen Informationen und Grafiken zur Verfügung.
Noch einige Streiflichter, die bei der Exkursion besondere Erwähnung fanden:
Natürliche Differenzierung: In einem 28 – 74 jährigen Fichtenbestand aus Naturverjüngung konnte überzeugend dargelegt werden, dass sich die sehr stammzahlreiche Verjüngung zu einem stabilen Stangenholz mit einer ausreichenden Zahl herrschender Bäume mit H/D-Werten um 80 selbst ausdifferenziert und entwickelt hat.
Strukturdurchforstung: Die bisherigen Durchforstung im eben beschriebenen Bestand wurden als „Hochdurchforstung unter besondere Beachtung der Struktur“ ausgeführt. „Plenterprinzip in der Pflege“.
Die natürliche Differenzierung hat neben einigen astigen Vorwüchsen zu sehr feinastigen Bäumen mit insgesamt großer Durchmesserspanne geführt. Um diese zu erhalten, sind betont Eingriffe im Herrschenden notwendig. Dabei finden sich anfangs genügend starke Bäume mit geringer Qualität, mit deren Entnahme sowohl bessere herrschende Bäume, als auch schwächere Bäume indirekt gefördert werden.
Sogenannte Z-Bäume gibt es in allen Durchmesserstufen, wobei die schwächeren eine besondere Beachtung verdienen. Diese „Nachrücker“ können nach Druckstandsphasen ihr Zuwachspotential auch zeitlich verzögert noch voll entfalten. Eine Markierung kann hilfreich sein. Eine untergeordnete Bedeutung haben Baumabstände, da aus Naturverjüngung sich eher Baumgruppen ausdifferenzieren.
Habitatbäume: bilden eine wertvolle ökologische und ästhetische Komponente und bereichern das Waldbild eindrucksvoll.
Probleme mit der Forsteinrichtung: Viele Bestände werden von der Forsteinrichtung weiterhin nach Kriterien des Altersklassenwaldes beschrieben und beplant, obwohl sie eindeutige Merkmale des Dauerwaldes aufweisen.


Neben Fichten können sich 160-j. Buchen im Dauerwald zu wertvollen Exemplaren entwickeln.



Einzelne,"schlechter veranlagte/entwickelte" Laubhölzer verbleiben als Biotopbäume und bereichern den Dauerwald biologisch und optisch.


„Schlangenbader Tabellen“: Hier noch der Hinweis auf die von Klaus Stolpp entwickelten „Schlangenbader Tabellen“ zur Auswertung und grafischen Darstellung von Bestandesdaten: sie sind zu finden unter www.schlangenbader.net mit folgenden Zugangsdaten:
Benutzername: Forst Kennwort: Dauerwald

Ein herzlicher Dank gilt Klaus Stolpp und Bernd Leichthammer für die geleistete Arbeit. Aus einem solch eindrücklichen Bild vor Augen schöpft man wieder Kraft für den forstlichen Alltag!

Dirk Ruis-Eckhardt
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