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ANW HESSEN

ANW_Heidenrod
28.09.2015 - 19:58 von weisstanne


„W.W.W. - Wald, Wild und Wind in Heidenrod
unter diesem Motto fand mit ca. 40 Teilnehmern am 16.9.2015 ein Arbeitstreffen der ANW in der Gemeinde Heidenrod im Rheingau-Taunuskreis statt.
Der frühere Leiter der Försterei Kemel/Springen und heutige Bürgermeister Volker Diefenbach, der Leiter des Forstamtes Bad Schwalbach Dr. Karsten Schulze, der heutige Revierleiter Tino Manthey und der Geschäftsführer der „ Windenergiepark Heidenrod GmbH“ Udo Zindel informierten über die weit gespannten Exkursionsthemen und diskutierten mit uns anhand eindrucksvoller Bilder die bisherige Entwicklung und das weitere Vorgehen.
Die Gemeinde Heidenrod mit ca.7800 Einwohnern in 19 Ortsteilen auf einer Fläche von 9.600 ha ist zu 63% bewaldet. Mit 4.615 ha, der insgesamt ca. 6.000 ha Wald, besitzt sie den größten Gemeindeforstbetrieb in Hessen.
Das Forstamt Bad Schwalbach, das mit drei staatlichen Revierförstereien für alle Waldbesitzarten im Gemeindegebiet zuständig ist, bietet der Gemeinde bei allen den Wald betreffenden Fragen eine kompetente Betreuung und vertrauensvolle Zusammenarbeit an.
Die ausgedehnten Waldflächen mit den zerstreut liegenden Rodungsinseln der meist kleinen Dörfer, sind abgesehen von den Steilhängen des Aar- und Wispertales, vorwiegen durch Aufforstung der zu Heide devastierten „Allmende“ am Anfang des 19ten Jahrhunderts im damaligen Herzogtum Nassau entstanden. Die Bestockung besteht heute zu 47% aus Buche, 17% Eiche, 25% Fichte, 6% Dougl und 5% Kiefer/Lärche auf überwiegend schwach mesotrophen Tonschieferböden in Höhenlagen von 200 bis 548m, bei Niederschlägen von 630 bis 850mm.
Von den Stürmen der Jahre 1984 und 1990 war der Gemeindewald massiv betroffen. Auf einer Schadfläche von ca. 450 ha fielen ca.230.000 Festmeter dem Sturm zum Opfer, vor allem in den geschlossenen Fichten Komplexe der zentralen Plateaulagen. Durch diese Schadholzmenge, die fast dem 10 fachen planmäßigen Jahreseinschlag entsprach, reduzierte sich der Hiebssatz auf 60%. Es waren gewaltige Aufforstungs- und Pflegemaßnahmen zu bewältigen.
Nicht zuletzt angesichts der katastrophalen Windwurfschäden in dem bis 1990 „klassisch altersklassenmäßig“ bewirtschafteten Wald, erfolgte dann die konsequente Umstellung nach den Prinzipien des Naturgemäßen Waldbaus, mit stetiger Pflege in den Jungbeständen und dauerwaldartiger Nutzung in den alten Laubholzbeständen und den meist vom Sturm angerissenen Fichten Althölzern.
Seit 10 Jahren ist der Gemeindewald FSC zertifiziert, aktuell wurde das zweite Re-Audit erfolgreich abgeschlossen. Neben einem anspruchsvollen Waldbau zeichnet sich der Betrieb durch hohe soziale Standards und vielfältige Bemühungen im Landschafts- und Naturschutz aus.
Auch zur Wald-Wild Problematik bietet das Vorgehen der Gemeinde beachtenswerte Ansätze und zur vielerorts umstrittenen Windkraft im Wald leistet sie im Einvernehmen mit der örtlichen Bevölkerung einen überzeugenden Beitrag.
Einige Ausführungen zu den drei Exkursionsthemen:
Zum Thema Naturgemäßer Waldbau wurde als 1.Waldbild ein 60 bis 116 jähriger Fichtenkomplex mit kleineren Laubholzanteilen vorgestellt, der von den Stürmen 1984 und vor allem 1990 stark betroffen war. Fast flächendeckend hat sich Naturverjüngung aus Fichte, Douglasie, Lärche, Kiefer und vereinzelt Laubholz eingestellt. Größere Windwurfflächen wurden mit Fichte/Buche aufgeforstet, kleinere Lücken mit Buche vorangebaut.
Trotz des insgesamt labil erscheinenden Gefüges, kam es bisher nur zu kleineren jährlichen Sammelhieben. Die „Bestände“ konnten zweimal im Jahrzehnt planmäßig stammzahlschonend mit 30 bis 40 Efm/ha durchforstet/durchhauen werden. Die Jungwuchspartien wurden geläutert, teilweise bereits erstdurchforstet.
Die 2012 durchgeführte Kluppung einer Teilfläche von 20 ha, ergab bei einem Fichtenanteil von 97% einen Vorrat von 519 Vfm/ha bei 340 Bäumen/ha mit einer Durchmesserspanne von 8 bis 76 cm.
Bei der Diskussion wurde deutlich, dass die vom Waldbesitzer angestrebte dauerwaldartige Bewirtschaftung, mit dem Ziel sich weiterhin langjährige Nutzungsoptionen in dem hochproduktiven Bestand zu erhalten, bei der Forsteinrichtung durch Hessen Forst nur schwer durchsetzbar war. Deren Regelwerk ist noch immer vorwiegend altersklassenbezogen, was bei solchen Beständen, mit dem Hinweis auf geringe Zuwächse und Wertverlust, zu deutlich höheren Planungen in der Hauptnutzung führt. Mit der Zuordnung zum „Regenerationsstadium“ mit rascher Verjüngung wird man der langfristig optimalen Waldentwicklung und Wertschöpfung, auch nach Ansicht der ANW, aber keinesfalls gerecht.
Als 2.Waldbild wurde uns ein 166 jähriges Buchen/Eichen Baumholz vorgestellt. Der Bestand war 1978 zum Kahlschlag mit anschließender Aufforstung mit Laubholz (Nähe zur Ortslage ) vorgesehen. Diese Planung wurde, vermutlich auch angesichts der Windwurfflächen von 1984, nicht umgesetzt, sondern der damals sehr mühsame Versuch unternommen, mit Grubbern und Kalkung eine Buchen Naturverjüngung eizuleiten.
Heute stellt sich der Bestand als lichtes Buchen/Eichen Baumholz mit großer Durchmesserspanne über sich differenzierender Buchen Verjüngung dar. Das Ergebnis der gekluppten Winkelzählprobe mit Tabelle und Grafik liefert konkrete Informationen. Bei einem Vorrat von 270 Vfm/ha zeigt sich eine zweigipfelige Verteilung der mit 57% beteiligten Buchen (60% Schwach- und Mittelholz von BHD 16 bis 40 cm und 40% Starkholz von 52- 84 cm) und im Mittelfeld 43% Eichen von 36 bis 72 cm.

Wie Volker Diefenbach ausführte, ist das Ziel des Waldbesitzers für diesen und ähnliche Bestände eine dauerhaft nach Alter, Stärke und Baumarten gemischte Bestockung, bei der jederzeit starkes Holz geerntet werden kann und entstehende Lücken durch Verjüngung ausgefüllt werden. Bei hoher Betriebssicherheit verspricht dieser Waldaufbau dauerhaft betriebswirtschaftlichen Erfolg bei einem hohen ökologischen Wert und wird auch den Ansprüchen Erholungssuchender gerecht.
Auch hier zeigte sich, wie wichtig Stichprobenaufnahmen sind, um Strukturen zu erkennen und das weitere Vorgehen konkret abzuleiten. Nur wenn entsprechende Verfahren von Hessen Forst entwickelt und angewandt werden, kann die Forsteinrichtung den Waldbesitzer angemessen beraten und für den Praktiker brauchbare Unterlagen liefern.

Zum Thema Wald und Wild wurde ein nach flächigem Windwurf entstandener Buchen/Fichten Jungbestand gezeigt, in dem die immensen Rotwild Schälschäden deutlich wurden.
Laut aktueller Forsteinrichtung gehen die bereits entstandenen Vermögensschäden in die Millionen und zur Vermeidung neuer Schäden durch Wild sollen jährlich ca. 100.000 € für Schutzmaßnahmen aufgewendet werden. Diese nicht hinnehmbaren Belastungen entstehen vor allem durch den um das 4 fache überhöhten Rotwildbestand von 10 Stck je 100 ha mit Schälschadensprozenten, die beim 6 fachen der Toleranzgrenze liegen.
Da die seit mehr als 10 Jahren mit der Jägerschaft geführte Diskussion keine Veränderung bewirkte, haben die Gemeindegremien zwei beachtenswerte Maßnahmen beschlossen:
Statt der bisherigen Waldwildschadenspauschale wird in den neu abzuschließenden Pachtverträgen vereinbart, dass die Gemeinde als Jagdgenosse Mindestabschüsse festlegen kann, die, wenn sie nicht erfüllt werden, zu deutlichen Aufschlägen bei der Pacht führen.
Außerdem wurde beschlossen einen Jagdbezirk von 300 ha in Eigenregie der Jagdgenossenschaft, in der die Gemeinde 72% der Fläche besitzt, zu bejagen. Die Geschäftsführung nimmt die Gemeindeverwaltung wahr, zwei ehrenamtliche Jäger betreuen die Jagdgäste. Der Abschuss des 1.Jahres waren 25 Stck. Rotwild, 17 Stck. Muffelwild, 31 Rehe und 8 Stck. Schwarzwild. Damit konnte ein mit der Verpachtung vergleichbarer Ertrag von 25 €/ha erzielt werden.
Der Gemeinde ist zu wünschen, dass diese entschlossenen Schritte eine Signalwirkung in der Jägerschaft haben, damit die Probleme mit den „Rotwildherden“ endlich angepackt werden und es insgesamt zu einem verträglichen Miteinander von Wald und Wild kommt, einer Aufgabe der sich auch die ANW zusammen mit anderen Verbänden seit Jahren intensiv widmet.
Zum Thema Windkraft im Wald konnten wir bei einer Führung durch den neu errichteten Windpark mit 12 Windenergieanlagen einen umfassenden Einblick gewinnen, wie konsequent die Gemeinde mit der Herausforderung der Energiewende umgeht.
Durch drei ältere privat betriebene Anlagen bei Kemel waren die Bürger für dieses Thema schon früh sensibilisiert und haben bei einem Bürgerentscheid mit großer Mehrheit für den Bau weitere Anlagen durch die Gemeinde gestimmt.

Nach umfangreichen Prüfungen, wurde im Februar 2014 die Genehmigung erteilt und danach sofort mit der Rodung und dem Ausbau der Wege, Kranstell- und Montageflächen begonnen. Von den dafür benötigten 8,2 ha Wald wurden inzwischen vor Ort 5,2 ha wieder aufgeforstet und weitere Flächen für mögliche Wartungsarbeiten mit Landschaftsgehölzen begrünt. Außerdem wurden Ersatzaufforstungen auf Liegenschaften der Gemeinde vorgenommen.
Der Bau der 12 Anlagen vom Typ GE 2,5-120 mit einer Turmhöhe von 140m, einer Flügellänge von 60m und einer Leistung von 2,5 Mio. Watt je Anlage einschließlich aller Anschlussleitungen, wurde dann in einer unvorstellbar kurzen Bauzeit von einem Jahr bewältigt, bereits im März 2015 waren alle Anlagen im Betrieb.
Der Betrieb erfolgt zusammen mit dem Energieversorger „Süwag“ durch die zu diesem Zweck gegründete „Windenergiepark Heidenrod GmbH“. Die Leistung der Anlagen liegt bisher über den Erwartungen. So wurden im August 2015 ca.5,2 Mio. Kilowattstunden produziert, was dem Verbrauch von ca. 26.000 Drei-Personen Haushalten mit 200 KW/Monat entspricht . Bei einem in 20 Jahren abzuschreibenden Kredit von ca.50 Mio. €, kann die Gemeinde schon jetzt mit jährlichen laufenden Einnahmen von ca.800.000 € rechnen.
Insgesamt wurde deutlich und von den Teilnehmern anerkannt, dass die Gemeinde auch bei diesem schwierigen Thema einen verantwortungsvollen Weg gegenüber Natur und Landschaft beschritten hat. Die Frage, ob die optische Beeinträchtigung des Landschaftsbildes zu rechtfertigen ist, darf dabei nicht unabhängig von den Schäden und Risiken durch Atom- und Kohlestrom, die wir nicht unmittelbar vor Augen haben, beantwortet werden.
Nach dem Ende der Exkursion überreichte beim letzten Waldbild der Geschäftsführer von FSC Deutschland Dr.Uwe Sayer, mit anerkennenden Worten für die Arbeit der örtlichen Akteure, die Urkunde für die nächsten fünf Jahre.

In der Hütte der Waldjugend hatte die Gemeinde abschließend zu einem Imbiss ( Wild gegrillt ) eingeladen und wir konnten den lehrreichen Exkursionstag mit einem herzlichen Dankeschön unserer Vorsitzenden Dagmar Löffler ausklingen lassen.
28.09.2015 Bernd Leichthammer
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